Sichere Wasserversorgung fuer das Fluechtlingslager Azraq in Jordanien

Orith Tempelman

Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) setzt die Aussenpolitik des Bundesrats in der Humanitären Hilfe um und lässt sich das Projekt (Dauer: 01.02.2016 – 31.05.2017) 2’210’000 Franken kosten. Das Ziel des Projekts im Azraq Flüchtlingslager ist die Verbesserung der Gesundheit und des Wohlergehens der Flüchtlinge durch die nachhaltige und ausreichende Bereitstellung von Trinkwasser.


Das rund 90 Kilometer von der syrischen Grenze entfernte Lager wurde im April 2014 eröffnet. Zurzeit (6. Dezember 2016) sind im Lager 53’828 Personen registriert (51,02% weiblich und 48,98% männlich), davon fast 58% Kinder (ein Viertel davon unter 5 Jahre alt). Die Regierung Jordaniens zögerte, in den Flüchtlingslagern permanente Infrastrukturen für Wasser und Sanitäranlagen einzurichten, um bei den Flüchtlingen den Wunsch, definitiv in Jordanien zu bleiben, gar nicht erst aufkommen zu lassen. Trinkwasser und das Abwasser der sanitären Einrichtungen in den Lagern wurden daher bisher von Lastwagen transportiert, eine Lösung, die teuer ist und Risiken für die Wasserqualität zur Folge hat. Durch die nachhaltige Nutzung des Grundwassers an Ort und Stelle können hohe Kosten der Wassertransporte vermieden und die Wasserqualität verbessert werden.
Jordanien ist ein extrem wasserarmes Land. Das Grundwasservorkommen unterhalb des Lagers wird hauptsächlich von Regenwasser aus den Bergregionen Syriens gespeist – in regenarmen Jahren entsprechend spärlicher. Nicht zuletzt aus diesem Grund gab es vor der Eröffnung des Lagers in Azraq Proteste von den Einheimischen, die befürchteten, dass die Wasservorkommen dadurch noch zusätzlich verknappt würden.
Die Position der Regierung mit Bezug auf die Wasser- und Sanitärinfrastruktur änderte sich aber Anfang 2015, und dies ermöglichte es dem UNO-Kinderhilfswerk UNICEF, ein dauerhafteres Wasser- und Abwassersystem in Azraq zu planen. Ein 485 m tiefes Bohrloch wurde im August 2015 erfolgreich in Betrieb genommen und erlaubte die Bereitstellung von Wasser in ausreichender Menge (60m3/Stunde) und Qualität, was wiederum eine Voraussetzung dafür war, dass die Schweiz Gespräche mit dem UNICEF aufnehmen konnte, um dessen Anstrengungen zu unterstützen. Anlässlich seines Jordanien-Besuchs unterzeichnete Bundesrat Didier Burkhalter im Oktober 2015 mit den UNICEF-Verantwortlichen eine diesbezügliche Absichtserklärung.


Das UNICEF leitet die Arbeiten zur Verbesserung der sanitären Versorgung und des Trinkwasserversorgungssystems im Flüchtlingslager, welche namentlich durch den Bau von unterirdischen Leitungen effizienter und nachhaltiger gestaltet sollen. Ausserdem sollen neue Wasserstellen eingerichtet werden. Die aktuell 67 Wasserstellen mit je vier Hähnen sind morgens von 7 bis 11 und nachmittags von 15 bis 19 Uhr in Betrieb; bei einem täglichen Wasserbedarf von 1300 m3 sind die Warteschlangen entsprechend lang.


Blechhütten und Stacheldrahtzäune
Azraq wurde sorgfältig geplant und systematisch aufgebaut. Wie auf Schnüren aufgereihte fast fensterlose Blechhütten in einem eingezäunten Gelände, ohne einen einzigen Baum, ohne Pflanzen, ohne Schatten bei Sommertemperaturen weit über 40°C erwarten die Menschen, die vor Krieg, Zerstörung und Not fliehen. Die Umrandungszäune werden durchgehend vom Militär patrouilliert und die Einrichtungen von einem privaten Sicherheitsdienst bewacht. Eigentlich erinnert das Lager an ein Gefängnis, vor allem, weil Neuankömmlinge das Gelände vorerst nicht mehr verlassen dürfen. Erst nach einer Quarantänezeit von einem Monat, während der vor allem abgeklärt wird, ob die Flüchtlinge Sympathisanten des Daesh (IS) sind und ein Sicherheitsrisiko darstellen, dürfen die als unbedenklich eingestuften Personen auf Anfrage einmal im Monat für drei Tage das Lager verlassen. Meist machen sie sich auf die Suche nach Freunden und Verwandten in anderen Teilen Jordaniens, aber viele tauchen unter und kehren dem trostlosen Wüstencamp definitiv den Rücken.


Um eine Überlastung der zentralen Strukturen zu vermeiden und das Gemeinschaftsgefühl zu stärken, basiert das 14,7 km2 grosse Flüchtlingslager auf zurzeit vier eigenständigen Dörfern mit jeweils bis zu 15’000 Einwohnern. Sie verfügen über ein Zentrum, Vorrichtungen für Erste Hilfe, eine Polizeistation, Begegnungszentren für Frauen und Kinder, Schulen für ca. 8000 Kinder sowie Sportanlagen. Neben psychosozialer Unterstützung werden hauptsächlich für Kinder und Jugendliche auch Freizeitaktivitäten und für die Erwachsenen Trainings und Workshops zu Themen wie Konfliktlösung, Haushaltsführung, elterliche Erziehung oder Stressbewältigung angeboten. Doch vor allem für Erwachsene ist das Leben im Lager hart, weil es von Langeweile geprägt ist.
Die ankommenden Flüchtlinge erhalten eine Grundausstattung mit Matratzen, Decken, einer Solarlampe, zwei Gasheizer, Küchenutensilien und Wassereimern. Ausserdem erhält jeder Flüchtling täglich ein Viertelpfund Brot, monatlich 20 Jordanische Dinar (= ca. 28 $), seit knapp einem Jahr in Form von elektronischen Gutscheinkarten, mit denen im Supermarkt oder in einem der rund 200 Shops des Lagers eingekauft werden kann. Doch das Geld reicht nicht weit, denn Jordanien ist ein teures Land und der Tourismus, traditionell einer der wichtigsten Wirtschaftsbereiche des Landes, ist dem Zusammenbruch nahe. Ohne die zahlreichen Hilfsorganisationen vor Ort und die Spenden aus aller Welt würde die Versorgung der Menschen in den Lagern nicht funktionieren.
Nach einer mündlichen Einführung ins Lagerleben können die Familien einer der 7600 neun Quadratmeter grossen Wellblechbaracken, ihr neues Zuhause auf Zeit, beziehen, jeweils eine Baracke für eine 6-köpfige Familie. Pro Quartier von 12 Baracken stehen eine Wasserstelle, sowie 4 Waschblöcke (Latrine und Dusche) zur Verfügung. Das Schmutzwasser wird gereinigt und danach für Bewässerungszwecke ausserhalb des Lagers benutzt. Täglich müssen ausserdem die Latrinentanks geleert werden und jeweils 2 Tonnen Fäkalien per Lastwagen abtransportiert werden. Die von der DEZA finanzierten Röhrenleitungen sollen auch dieses Problem vereinfachen. Somit steht ihr Hauptanliegen, den Flüchtlingen einen besseren Zugang zu Trinkwasser und sanitären Anlagen und der Gesamtbevölkerung der Umgebung eine effiziente, nachhaltige und konfliktsensitive Bewirtschaftung des Wassers zu gewähren, kurz vor dem Erfolg.

Ein Besuch der Flüchtlingslager – auch des Vorzeigecamps von Azraq – ist schwierig, das Einlassregime strikt. Nur wer registriert oder langfristig angemeldet ist kommt ins Camp. Von den 17 Schweizer Wissenschaftsjournalisten, die Anfang Dezember diverse Projekte und Einrichtungen in Jordanien besuchten, bekamen nur zehn eine Besuchsbewilligung. Sicherheit geht in Jordanien verständlicherweise über alles.

 

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